“Ein grosser Wurf in der Schweizer Agrarpolitik ist notwendig”

Text Hansjürg Jäger

Urs Niggli ist Agrarforscher, Berater, Obmann und Stiftungsrat. Er vermisst den grossen Wurf in der Agrarpolitik und plädiert für einen dritten Weg, der auf den Stärken aller Anbausysteme aufbaut.

Die Liste mit den Mandaten und Aufgaben von Urs Niggli ist zu lang für den Einstieg in die neue Folge Agrarpolitik-Podcast1. Der frühere Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau blickt kritisch-optimistisch auf die Land- und Ernährungswirtschaft in der Schweiz. Ein Selbstversorgungsgrad weit über 50 Prozent ist “schlichtweg unmöglich” und Bio alleine ist nicht die Lösung. “Die Welt können wir nicht mit Biolandbau ernähren”, sagt Niggli. Die Forschung sieht er in der Pflicht, neue und bessere Lösungen zu entwickeln. Sie soll auf den Stärken aller verfügbarer Anbausysteme und Technologien aufbauen können.

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“Ein grosser Wurf in der Schweizer Agrarpolitik ist notwendig”

Im Gespräch mit Urs Niggli kommt Andreas Wyss auf den Umbau der Agrarpolitik Anfang der 1990er-Jahre zu sprechen. Damals wurde erstmals über Direktzahlungen als neues Förderinstrument diskutiert. “Das war unglaublich visionär”, sagt Urs Niggli rückblickend. “Bezüglich Tierschutz und Tierprogrammen sind wir bis heute visionär geblieben”, findet der Agronom, der die EU-Kommission auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft berät. Im Umweltschutz habe die Schweiz ihre agrarpolitische Führungsrolle jedoch abgegeben. Mehr noch: «Ein grosser Wurf in der Schweizer Agrarpolitik ist notwendig» findet Niggli.

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Wie Niggli sagt, sehen die Trinkwasser- und die Pestizidverbots-Initiative radikale Veränderungen vor – was wiederum eine gehässig geführte Debatte provoziert. Die eigentlich gute helvetische Diskussionskultur, bei der linke und rechte, grüne, weniger grüne und konservative, IP-Bauern und Bio-Bäuerinnen gemeinsam über die Zukunft der Landwirtschaft diskutieren, könne derzeit nicht gelebt werden, sagt Niggli.

“Mit einem ambitionierten Aktionsplan hätten die beiden Initiativen nicht die Bedeutung erhalten, die sie jetzt haben.”

Hinzu kommt, dass mit der Sistierung der Agrarpolitik 2022+ die «Chancen einer Annahme – insbesondere der Trinkwasser-Initiative – gewaltig stiegen.” Zwar war die Vorlage des Bundesrates nicht perfekt, aber sie wäre ein wichtiger Schritt in Richtung der Initianten gewesen. Ähnlich wäre das mit einem ambitionierten Aktionsplan zur Reduktion des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft gewesen. Wie Niggli sagt, wurde dieser sehr langsam eingeführt.

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Unter dem Strich hätte die Initiativen durch einen ambitionierten Aktionsplan nicht die Bedeutung erhalten, die sie jetzt haben. Urs Niggli sagt aber auch: selbst mit ambitionierten und klaren Zielen hätte die Trinkwasser-Initiative nicht verhindert werden können. “Die Initiative von Franziska Herren ist das Werk einer Einzelperson.”

Das Beste aus allen Welten zusammenbringen

Angesprochen auf die zukünftige Ausrichtung der Landwirtschaft sagt Urs Niggli, dass der Biolandbau alleine die Welt nicht ernähren kann. “Bei stark wachsender Nachfrage nach Lebensmitteln kann man nicht auf eine Methode setzen, die selbst bei besten Bedingungen weniger Ertrag bringt als die integrierte oder konventionelle Produktion”, begründet Niggli seine Haltung.

«Dank der chemischen Analytik ist erst klar geworden, wo man chemische Pestizide nachweisen kann”

Von der Forschung erwartet er neue Lösungen. Der chemische Pflanzenschutz sei nicht unproblematischer geworden. Die bessere Analytik erlaubt erstmals das Erstellen von Dosis-Wirkungskurven und macht sichtbar, wo chemische Pestizide überall nachweisbar sind. Für Niggli ist deshalb klar: “Das grossflächige Ausbringen der Pestizide ist kein Zukunftsmodell.”

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Die Schweizer Landwirtschaft wäre nie fähig, 7, 8 oder 10 Millionen Menschen zu ernähren, findet Niggli. Dass die Schweizer Bevölkerung wächst, ist der Industrialisierung geschuldet, nicht den verfügbaren Lebensmitteln. Importe sind damit notwendig, ein Selbstversorgungsgrad, der weit über 50 Prozent hinausgeht “schlicht unmöglich.” Wie Niggli sagt, wäre es in den meisten Fällen sogar sinnvoller, direkt Fleisch statt zuerst das Futter für die Fleischproduktion einzuführen – weil mit dem Futter zu viele zusätzliche Nährstoffe importiert werden.

“Die Schweiz hat pro Hektare Land einer der höchsten Nährstoff-Inputs. Das müsste nach unten korrigiert werden. Aber das macht den Landwirten viele Sorgen, weil sie in Infrastruktur [für die Tierhaltung] investiert haben.”

Niggli hat bis heute grosse Freude an seiner Arbeit als Agrarforscher. “An etwas Neuem zu arbeiten, das die Stärken des Biolandbaus und die Potenziale moderner Technologie nutzt, das ist eine der spannendsten Herausforderungen.” Dass die Schweizer Landwirtschaft diesen gewachsen sein wird, steht für Niggli ausser Frage: «Man darf das Wissen, die Dynamik und die Anpassungsfähigkeiten der Landwirte in der Schweiz nicht unterschätzen.”

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